Wie viele Wahrheiten gibt es?

Wir haben gelernt, andere Meinungen zu respektieren und sich verschiedene Ansichten geduldig anzuhören um dann selbst abzuwägen.
Doch diese anerzogene Toleranz stößt bisweilen an ihre Grenzen. In der Mathematik zum Beispiel macht es wenig Sinn, lange Debatten über einfache Rechenaufgaben zu führen. Zwei plus zwei ergeben nun einmal vier - wer etwas anderes behauptet gehört nicht ernstgenommen.

Zwar gelten im wirtschaftspolitischen Bereich auch die Gesetze der Vernunft, aber die Gesamtmaterie erweist sich als kaum überschaubar und es fehlen jedwede Rechenformeln.
So gestaltet sich die Politik und vor allem die Wirtschaftspolitik als Spielweise der Meinungsvielfalt.

Das Problem wird verschärft, weil nicht einmal die wichtigsten Fundamentaldaten offen dargelegt werden.
Krasse Belege für diese unaufrichtige Flexibilität liefert zum Beispiel der Umgang mit der Lohnentwicklung in Deutschland seit 1980. Die Auftraggeber der Statistiken versuchen offenbar, eigene Ansichten mit Zahlenmaterial zu belegen. Und wer sinkende Reallöhne verschleiern will, der trickst einfach.

Er vergleicht dann zum Beispiel nur die Bruttolöhne (obwohl die völlig irrelevant sind), ignoriert neu erfundene Abgaben (Praxisgebühr), lässt gekürzte Versicherungsansprüche (sinkende Renten, Streichung der Arbeitslosenhilfe) unberücksichtigt, vergleicht nicht den Facharbeiter von damals mit dem Facharbeiter von heute, sondern mischt das gesamte Volkseinkommen bunt durcheinander (unterschlägt also die höhere Qualifikation der heutigen Generation).

Dass bei solchen Schummelorgien am Ende die gewünschten Ergebnisse herauskommen, darf niemanden wundern. Ähnlich wie bei der Lohnentwicklung wird auch bei den Arbeitslosenzahlen und in vielen anderen Bereichen getrickst.

 

Getürkte Zahlen als Diskussionsgrundlage
Wir erleben es ständig, wobei es aber nur die wenigsten merken: Überall bei politischen Auseinandersetzungen - selbst in seriösen Talkshows, im Bundestag oder auch im kleinen Kreis der örtlichen Partei - überall werden mit falschen Daten schlechte Argumente untermauert.

Dabei ist meistens nicht einmal beabsichtigte Täuschung im Spiel (dieses Mittels bedienen sich nur ganz Abgebrühte), sondern ein mangelhaftes Gedächtnis oder aber die bereits oben erwähnte Zahlentrickserei.
Wer tausendmal in den Medien vom
Facharbeitermangel hört und das Wehklagen mancher Unternehmer Ernst nimmt, der ist irgendwann "weich geklopft".
Der glaubt dann schließlich selbst, dass "gute" Leute nicht mehr zu bekommen sind und dass das bei den Arbeitsämtern gemeldete Millionenheer durchgehend unbrauchbar ist.

Dabei haben wir in Deutschland vor der Globalisierung erlebt, was echte Vollbeschäftigung bedeutet. Nur 250.000 Arbeitslose registrierte man in Westdeutschland in den 1960er Jahren. Ist das alles schon vergessen?
Heute zählen wir trotz massiver Bilanzkosmetik drei Millionen Arbeitslose und schon wird der Mangel ausgerufen. Will man uns alle veräppeln?

Dieses Beispiel zeigt, dass eine faire Diskussion bzw. eine ehrliche Politik auf der Basis manipulierter Zahlenspiele kaum mehr möglich ist.
Wie will man mit Leuten reden, die noch immer an die Mär vom Facharbeitermangel glauben und von steigenden Löhnen ausgehen?

Wer die Entwicklung der letzten 35 Jahre in Deutschland nicht als Niedergang, sondern als Erfolgsgeschichte wahrnimmt, urteilt natürlich auch über den Nutzen des Euro, der EU oder der Globalisierung ganz anders als neutrale Beobachter.

 

Warum drehen sich die Debatten nur im Kreis?

Die unterschiedlichen Grundeinstellungen, die Wahrnehmung des Istzustandes, sind dann auch die Ursachen für die weitgehend nutzlosen Dauerdebatten, die sich ständig im Kreis drehen.

Würden die Regierungen in ihren Zahlenwerken generell jegliche Bilanzkosmetik vermeiden, könnte die Bevölkerung und die Fachwelt auf einer Ebene diskutieren und würde letztlich zu logisch konsequenten Schlussfolgerungen kommen.
Konsequent angewendete Logik führt in Politik meist immer zum gleichen Ergebnis bzw. zur gleichen Meinung - genau wie in der Mathematik.

Denn über das Ziel herrscht ja gottseidank Einigkeit - alle Parteien wollen nur das Beste für das Volk und das Land.
Bei einer solchen Zielsetzung lösen sich auch klischeehafte Einstufungen in Links oder Rechts, Sozial oder Unsozial weitgehend in Luft auf.
Dass Parteien, die sich dem Wohl des Volkes verpflichtet fühlen, zu völlig unterschiedlichen Lösungen und Programmen kommen ist keineswegs normal - sondern lediglich ein Zeichen von Unwissenheit und Gedankenlosigkeit (was ja auch kein Wunder ist, wenn geschönte Daten als Entscheidungsgrundlage dienen).

Weil Regierungen (ganz allgemein in allen Staaten der Erde) grundsätzlich darauf aus sind wiedergewählt zu werden, neigen sie ständig dazu, ihre Leistungen herauszustellen und Misserfolge zu vertuschen.
Diese besonders in den Demokratien anzutreffende Grundhaltung ist meines Erachtens das ursächliche Problem. Die Unaufrichtigkeit führt zu falschen Vorstellungen, die zwangsläufig Fehlentscheidungen nach sich ziehen.

 

Die Konzentration auf Nebensächlichkeiten

Weil die Grunddaten (der Istzustand) verschleiert werden, kann die menschliche Logik unsere gesellschaftlichen Probleme nicht auflösen.
Auch den engagierten Politikern zeigt sich kein klares Bild der Notwendigkeiten - und so weichen sie ständig auf populistische Nebenschauplätze aus.

Dabei sind Diskussionen über den Mindestlohn, Kombilohn, das Elterngeld, Betreuungsgeld, die Staatsschulden, Bildungsoffensiven oder was auch immer nur zweitrangig - es handelt sich hierbei um Probleme, die nur existieren, weil die Grundsatzfragen nicht richtig gestellt und beantwortet werden.
Weil man den Niedergang verdrängt (sinkende Löhne, Massenarbeitslosigkeit, hohe Staatsverschuldungen), beschäftigt man sich auch nicht mit deren Ursachen - dem globalen und innereuropäischen Lohn- und Steuerdumping.
Weil man EU, Euro und Globalisierung (Zollabbau) ideologiesiert und damit unantastbar macht, werden unwirksame Ersatzreformen präsentiert (wie zum Beispiel die
Agenda 2010).

Auch die Frage um die scheinbar mangelhafte Umverteilung lässt sich besser sachlich als emotional klären, auch die Neiddebatte dient hauptsächlich als Ablenkungsmanöver.
Denn in Deutschland zahlen bereits 50 % der Einkommensbezieher so gut wie keine direkten Steuern und nicht wenigen
Erwerbslosenfamilien geht es besser als Doppelverdienerhaushalten.
Logisch, dass Nichtsteuerzahler und Transferempfänger gegen eine weitere Erhöhung des Spitzensteuersatzes wenig einzuwenden haben.

Eine in die Öffentlichkeit getragene neutrale Bewertung des Problems würde jedoch auch linke Demagogen schnell zur Vernunft bringen.
Denn entscheidend bei jeder geplanten Steuererhöhung sind die zu erwartenden volkswirtschaftlichen Auswirkungen (Verringerung der allgemeinen Leistungsbereitschaft, Abwanderung der Eliten, Auslagerung von Unternehmen usw.).

 

Nur Ehrlichkeit und Wahrheitsliebe kann in einer Demokratie zu richtigen Entscheidungen führen!

Darin sehe ich die Hauptaufgabe meiner politischen Aufklärungsarbeit.
Ich möchte niemanden meine Meinung aufdrängen, sondern eben nur zum Nachdenken anregen. Wenn ich es erreichen könnte, dass die richtigen Basisdaten (Lohnentwicklung, Arbeitslosenzahlen) erkannt und die wahltaktischen Manipulationen durchschaut werden, habe ich eigentlich schon gewonnen.
Dann ergeben sich die richtigen Schlussfolgerungen ganz von allein.

 

 

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 © Manfred Julius Müller, Flensburg

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Manche Texte von M. J. Müller fanden auch Einzug in Schulbücher oder werden zur Lehrerausbildung herangezogen.

"Deutschland profitiert..."
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