"Wir kriegen einfach keine Leute!"

Kaum dass die Arbeitslosenzahlen ein wenig besser ausschauen, dringt das alte Wehgeschrei wieder durch die Lande. "Wir kriegen keine Leute" klagen die Unternehmer, "wir können nicht expandieren, weil der Arbeitsmarkt leergefegt ist".

Und solchen Stuss muss man sich allen Ernstes anhören, obwohl es immer noch vier Millionen Hartz-IV-Bezieher gibt und weitere Millionen Bundesbürger, die von der Arbeitslosenstatistik nicht einmal erfasst werden sowie solche, die statt ihres schlecht bezahlten Minijobs gerne einen richtigen Ganztagsjob hätten.

Wenn denn nun in einigen wenigen hochqualifizierten Spezialbereichen Experten fehlen, dann kann man diese Aussage noch nachvollziehen. Denn viele Leistungsträger hat es in der Tat in fremde Gefilde getrieben, weil ihnen hierzulande die Abzüge zu hoch und die Zukunftsperspektiven zu schlecht waren. Aber nun sollen ja auch schon ganz normale Handwerker fehlen, Klempner, Fliesenleger, Elektriker und dergleichen, Fachkräfte also, die noch vor gut einem Jahr als schwer vermittelbar galten und die Karteikästen der Arbeitsämter füllten.

Untermauert wird die vermeintliche Jobmisere mit der demographischen Entwicklung. Die Zahl der Geburten nimmt ständig ab, da sei es dann ja auch kein Wunder (so behauptet man), wenn es irgendwann an Arbeitskräften mangelt.
Doch diese Scheinlogik ist unredlich und irreführend. Denn der Geburtenrückgang (der bereits vor hundert Jahren seinen Anfang nahm) wird mehr als aufgewogen durch die stetig steigernde Produktivität. Heute müssen nicht mehr 50 % der arbeitenden Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeiten, um die Volksernährung zu gewährleisten - es genügen bereits 2 %. In technischen Produktionsbereichen läuft die Entwicklung ähnlich rasant.
Dass der Geburtenrückgang zum Arbeitskräftemangel führt, ist also reinster Humbug. Vergessen wir auch nicht, dass gerade die Jugendlichen extreme Schwierigkeiten haben, überhaupt eine Anstellung zu finden.

Wenn man schon auf diesem demographischen Argument herumreitet, sollte man auch die ganz Wahrheit sagen und eingestehen, dass die Bevölkerungszahl in Deutschland durch den Zuzug von Ausländern in den letzten 10 Jahren zugenommen hat.

Kann es sein, dass ausgerechnet die Firmen klagen, die einen schlechten Ruf haben bzw. die nichts ausgeben wollen?

Auch bei der Beschäftigung gibt es einen Markt!

Viele Unternehmer, die so lautstark für den freien Weltmarkt und die Marktwirtschaft eintreten, sträuben sich, auf die kleinste Verknappung auf dem Arbeitssektor marktgerecht zu reagieren.

Geben wir es doch zu: Der Satz "Wir kriegen einfach keine Leute!" müsste eigentlich lauten "Das Überangebot an guten Fachkräften nimmt etwas ab!".
Es war natürlich zu schön, wenn sich in den letzten Jahrzehnten Mitarbeiter mit immer weniger Reallohn begnügten und gleichzeitig immer eifriger und leistungsbereiter wurden, unentgeltlich Überstunden machten, dem Chef nach dem Munde redeten, sich kaum noch krank melden mochten usw..

Wenn hier jetzt eine ganz kleine Normalisierung eintritt, kann man das nur begrüßen. Weist man die angeblich händeringend nach Arbeitskräften suchenden Unternehmer auf die noch immer hohen Arbeitslosenzahlen hin, wird kleinlaut eingeräumt, "ja die, die kann man doch alle nicht gebrauchen".

Da ist sie dann wieder, diese abgehobene Arroganz. Da zeigt sich wieder, dass viele Unternehmer wirklich nur noch Schafe mit fünf Beinen suchen, die für wenig Geld sich für den Betrieb aufopfern.

 

Gibt es wirklich einen Arbeitskräftemangel? Im Mai 2012 (geringste Arbeitslosigkeit seit 20 Jahren) werden vor allem Billiglöhner gesucht, wie dieses große Werbeschild in Flensburg beweist.

 

Es gab tatsächlich einmal einen Arbeitskräftemangel

Die nach dem Jahr 1970 geborenen Bundesbürger haben es leider nicht mehr miterlebt, aber es gab sie einmal tatsächlich - die Vollbeschäftigung und den Arbeitskräftemangel.

Damals kannte man keine verdeckte Arbeitslosigkeit (Frühverrentung, 1-Euro-Jobs, Minijobs, Leiharbeit, ABM-Maßnahmen), es wurden Millionen Fachkräfte gesucht und die Statistik wies nur 250.000 Arbeitslose aus. Damals hatten die Unternehmer wirklich einen Grund zum Jammern - gleichwohl der Markt auch mit solchen Engpässen fertig wird (knapper Arbeitsmarkt = stark ansteigende Löhne und Produktionskosten, die Produktion wird allmählich zu teuer, dadurch verringert sich automatisch die Nachfrage - in einem intakten Markt pendelt sich also alles wieder ein).

 

Mein Appell an die Politiker:

Lasst euch bitte nicht vereinnahmen von der Wirtschaft und lasst euch nicht ein X für ein U vormachen. Wir haben noch immer ein ganz massives Arbeitslosenproblem - wer behauptet, er finde keine Leute, der ist einfach nicht bereit, faire Marktpreise (Arbeitsentgelte) zu bezahlen bzw. menschenfreundliche Arbeitsbedingungen zu schaffen.

Für alles gibt es einen Marktpreis: Ob jemand einen Elektriker braucht oder einen Computerspezialisten - wer genug zahlt, der wird auch fündig.
Und wer meint, der Preis sei zu hoch, den könne er nicht zahlen bzw. seinen Kunden nicht zumuten, der muss halt verzichten. Es bleibt deswegen ja keine Arbeit liegen, sie wird dann nur von anderen Firmen erledigt.

 

Nachtrag Oktober 2010:
Fachkräfte aus dem Ausland?

Was sollte man tun bei einem echten über Jahre andauernden Fachkräftemangel?
Wäre da nicht eine Zuwanderung aus dem Ausland unverzichtbar (wie uns Politiker gerne einreden wollen)? Die Notwendigkeit einer qualifizierten Zuwanderung wird zusätzlich mit dem demographischen Faktor begründet ("die Deutschen sterben sonst aus").

Dabei wird unterschlagen, dass die Bevölkerungsdichte in Deutschland sich in 100 Jahren verdoppelt hat und heute bereits ein Drittel der unter Zehnjährigen einen Migrationshintergrund aufweisen. Ich halte die Zuwanderung deshalb für einen falschen Weg, zumal ja ohnehin ab 1. Mai 2011 die Zuzugsbeschränkungen nach Deutschland im Rahmen der EU-Abkommen fallen.

Wenn es auf Dauer in einigen Spezialbereichen tatsächlich einen Fachkräftemangel gibt, sollte ein so großes Land wie das unsrige aus eigener Anstrengung die Probleme lösen können und nicht einfach aus dem Ausland die besten Leute abwerben (das halte ich für Schmarotzertum).

Was also sind die Hintergründe - wie kommt es zum Fachkräftemangel? Anscheinend geraten wieder einmal die Prinzipien der Marktwirtschaft in Vergessenheit. Alles regelt sich bekanntlich über den Preis: Viele Jobangebote sind mittlerweile zu unattraktiv (zu hohe Leistungsanforderungen bei magerem Verdienst) im Vergleich zu anderen Berufen, Hartz IV oder dem Ausland.

Wenn Ärzte in Nachbarländern das Doppelte verdienen wie hier und zudem dort noch angenehmere Arbeitsbedingungen vorfinden, braucht man sich über eine Abwanderung nicht wundern.
Wenn ein Gymnasial- oder Sonderschullehrer wesentlich mehr verdient als ein Ingenieur und zudem eine lebenslange Arbeitsgarantie erhält, hat das auf die Berufswahl sicherlich auch einen Einfluss. Und wenn erwerbslose Familienväter sich finanziell besser stehen als Vollzeit-Fachkräfte in der Pflege, Gastronomie usw., führt dies letztlich auch zu Fehlsteuerungen.

Vielleicht begreift so mancher jetzt in diesem Zusammenhang, wie schädlich sich zu hohe Lohnsteuern und Sozialabgaben auswirken und wie ausufernde Sozialleistungen eine Volkswirtschaft ruinieren können. Die hohe Abgabenlast macht viele Jobs in Deutschland einfach zu unattraktiv. Exportorientierte Unternehmer stöhnen aber schon heute über die hohen Lohnkosten, sie können nicht mehr zahlen, wollen sie nicht ihre Wettbewerbsfähigkeit verlieren.

Leider bleibt in Deutschland von den Bruttolöhnen netto zu wenig übrig - weshalb es Spitzenleute eben dorthin zieht, wo die Abgabenlast aufgrund geringerer Sozialleistungen einen Großteil des Bruttolohns nicht auffrisst.
Eine weitere Anhebung des Spitzensteuersatzes (bei gleichzeitiger Erhöhung der Hartz-IV-Sätze), wie ihn zum Beispiel die SPD fordert, scheint mir deshalb kontraproduktiv.
Das Einzige, was wirklich helfen würde, wäre eine Abkoppelung vom globalem Lohndumpingsystem über eine allmähliche Anhebung der Zölle. Aber davor schrecken ja alle Parteien zurück, weil sie noch immer glauben,
Deutschlands Heil liege allein im Export.

 

Hohe Anforderungen, Zeitvertrag und niedrige Bezahlung!
Nicht wenige Chefs leben anscheinend noch im vorletzten Jahrhundert. Sie verlangen vom Arbeitnehmer höchste Qualifikation und Leistungsbereitschaft - ihr Lohnangebot liegt aber weit unter den Hartz-IV-Sätzen.

 

Hintergrund:
Trügerischer Wirtschaftsboom: Wann zerfällt das Kartenhaus aus Billiggeldschwemme, Nullzinspolitik und Währungsdumping?
Die dreiste Proklamation des Fachkräftemangels!
Schluss mit der Exportabhängigkeit!
Globalisierung: Was darf die Bevölkerung darüber wissen?
Die 3 großen Nachteile der Globalisierung
Das Märchen von der globalen Marktwirtschaft.
Wie Demagogen die Öffentlichkeit manipulieren...

 

Startseite Ist die Globalisierung Basis unseres Wohlstandes?
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© Manfred Julius Müller, Flensburg

 

Warum endete in Deutschland vor 40 Jahren das Wohlstandswachstum?

Ja, natürlich geht es uns heute besser als vor 100 Jahren. Aber geht es uns heute auch besser als vor 40 Jahren?
Leider nein! Und das ist mehr als praradox! Die inflationsbereinigten Nettolöhne und Renten sind seit 1980 trotz aller Automatisierungen und produktiver Fortschritte gesunken!!! In fast allen Berufen wird heute weniger verdient als 1980! Zudem haben seit 1980 prekäre (befristete) Beschäftigungsverhältnisse dramatisch zugenommen und sogar die Zahl der offiziellen Arbeitslosen hat sich trotz aller neu eingeführten Bilanzierungstricks vervielfacht. Und das alles, obwohl Deutschland doch angeblich "ganz besonders" vom Freihandel, vom EU-Binnenmarkt, der Globalisierung und der zigmillionenfachen Zuwanderung profitiert.
Eine weitere Frage stellt sich: Wenn alles so toll läuft, warum braucht dann die Eurozone seit zehn Jahren eine kriminell anmutende, hochspekulative und undurchschaubare Geldschwemme sowie eine marktfeindliche Nullzinspolitik? Braucht unsere europäische Wirtschaft derart abenteuerliche Schmiermittel, um im internationalen Verdrängungswettbewerb bestehen zu können? Sind unsere Regierungen mit ihrem Latein am Ende? Kommen unsere Währungshüter von der Kunstgelddroge nicht mehr los?

Muss man den schleichenden Niedergang weiterhin akzeptieren?
Ist es unschicklich, unbequeme Fragen zu stellen und nach den Ursachen für den paradoxen Niedergang zu forschen? Leben wir in einer Welt, in der politische Grundsatzfragen nicht mehr erlaubt sind? Warum ist es so verpönt, über den Sinn der EU, des Euro und des globalen Dumpingsystems offen und ehrlich zu debattieren? Wie groß ist die Angst vor der Wahrheit?

Das Kontrabuch deckt auf!
Die Welt funktioniert ganz anders, als uns täglich vorgegaukelt wird! Aber sehen Sie selbst! Das Kontrabuch deckt auf und macht Schluss mit den populistischen Lebenlügen…

 

••• NEU:

Kapitalismus, Zollfreihandel, Globalisierung:
DAS KONTRABUCH
Wie funktioniert die grenzenlose Ausbeutung?
Und was müssten unbestechliche Politiker dagegen tun?

Mit mehr Verständnis für die weltwirtschaftlichen Zusammenhänge, einer Loslösung von den Irrlehren der Kapitallobby und der Wahnidee des globalen Dumpingwettbewerbs könnten die richtigen Schlussfolgerungen gezogen und notwendige Reformen eingeleitet werden. Dazu wären nicht einmal internationale Abkommen vonnöten. Jeder Staat könnte souverän handeln und sich somit aus der Zwangsjacke der einschnürenden Abhängigkeiten befreien. Daraus entstünde weltweit ein offener Wettbewerb über das beste Staats-, Demokratie- und Wirtschaftsmodell.
Autor Manfred Julius Müller, 100 Seiten, Format 17x22 cm, 8,90 Euro
Weitere Infos zum Buch.


Weitere brisante Bücher von Manfred J. Müller: Zum Beispiel die Trilogie "DAS KAPITAL" (als Gegenentwurf zu den Irrlehren von Karl Marx, David Ricardo und Adam Smith)
DAS KAPITAL und die Globalisierung - nur 13,50 Euro
DAS KAPITAL und die Weltwirtschaftskrisen - nur 5,80 Euro
DAS KAPITAL und der Sozialstaat - nur 7,90 Euro


Nachtrag 8. März 2019 (nur ein Beispiel von vielen):
Vorsicht vor Geisterdebatten!
Gestern sah ich in unserem Staatsfernsehen eine interessante Talkshow (Maybrit Illner) über die Globalisierung, die neuen wirtschaftspolitischen Herausforderungen, den Umgang mit China und den USA. Die diskutierenden Gäste erwiesen sich allesamt als ausgesprochen kompetent und intelligent. Trotzdem redeten sie immer wieder um den heißen Brei herum. Es kam mir vor wie der Tanz um das goldene Kalb.
Die Debattierenden verabscheuten die Zölle (nur darin waren sie sich einig), plädierten aber gleichzeitig für andere Schutzmaßnahmen, um die europäische Wirtschaft im globalen Wettkampf wettbewerbsfähig zu erhalten. Aber aufwendige staatliche Grundlagenforschungen, kostspielige Infrastrukturanbindungen, hohe Subventionen und Billigkredite an die Unternehmen, Wagniskapital für Start-ups, großzügige Lohnzuschüsse, Mehrwertsteuererstattungen bei Exporten, Staatsbeteiligungen an kränkelnden Geschäftsbanken, geförderte Konzernfusionen (Bildung von "European Champions") usw.
sind schließlich auch Protektionismus pur.
Und sich über "America first" mächtig aufregen, gleichzeitig aber zu fordern, bei der öffentlichen Auftragsvergabe EU-Firmen zu bevorzugen und Firmen zu bestrafen, die europäischen Interessen zuwiderlaufen - was ist das denn? Das ist doch wohl eindeutig "Europe first".
Diese Doppelmoral ist es, die uns alle narrt und unsere Probleme unlösbar erscheinen lässt. Ohne Protektionismus wird kein Staat und auch kein Völkerbund (keine EU) den mörderischen globalen Dumpingwettbewerb überstehen. Diese Lehren sollte man aus der Vergangenheit längst gezogen haben. Damit endlich die Debatte einsetzen kann, welche Art von Protektionismus der Menschheit die meisten Vorteile bringt.