Warum wird der Erfolg des Zoll-Protektionismus so energisch bestritten?

War die Wirtschaftspolitik der Nazis richtig oder falsch? Warum fiel ein Teil der deutschen Bevölkerung (31 %) auf Hitler herein?

 

In der Abhandlung "Wer trägt Schuld an der Weltwirtschaftskrise der frühen 1930er Jahre?" habe ich versucht darzustellen, wie die schwere Wirtschaftskrise damals mit Hilfe des Zoll-Protektionismus überwunden wurde.

Die Frage ist noch offen, warum dieser Tatbestand auch heute noch so vehement verleugnet wird. Man sollte doch eigentlich froh sein, ein probates Rezept gegen eine Weltwirtschaftskrise gefunden zu haben. Warum also diese sture Ablehnung des Zoll-Protektionismus?

 

1. Importzölle sind gleichbedeutend mit der Entmachtung des Kapitals
Wer absurd hohe Kapitalrenditen einfahren will, kann dies nur in einem offenen (weitgehend zollfreien) Weltmarkt.
Nur der ungebremste
Liberalismus gestattet es, die Staaten und Völker dieser Welt gegeneinander auszuspielen (Lohn-, Sozial-, Öko- und Steuerdumping). Importzölle im eigenen Land würden die Macht des Kapitals und ihr Erpressungspotential erheblich einschränken (Kapitalistisches Ermächtigungsgesetz).
Um ihre Pfründe nicht zu gefährden, wird deshalb auch heute noch von den Vasallen des Großkapitals der Zoll-Protektionismus aufs Schärfste verurteilt, deshalb darf natürlich auch die damalige Erfolgsstory sich nicht ins Bewusstsein der Bevölkerung einnisten.

 

2. "Alles, was die Nazidiktatur verzapft hat, war schlecht!"
Der zweite gewichtige Grund für die Ablehnung des Zoll-Protektionismus ist die Tatsache, dass es nun einmal die Nazidiktatur war, die ab 1933 in Deutschland das Riesenproblem der Massenarbeitslosigkeit gelöst hat. Eine objektive Aufarbeitung der Vorkriegspolitik des Hitlerregimes findet leider nicht statt.

Man verfährt in etwa nach dem Motto, dass alles, was die Nazischergen damals angestellt hatten, falsch und von Grund auf böse war. Erfolge passen da nicht ins Bild - das mussten auch schon manche Prominente erfahren, die es wagten, nicht ausnahmslos alle Nazi-Verfügungen (zum Beispiel die Einführung des Kindergeldes) im Bausch und Bogen zu verteufeln.

Es scheint in Deutschland immer noch die Doktrin zu gelten, sämtliche Nazi-Initiativen zu verdammen. Dies halte ich für einen ganz gefährlichen Reflex - es kann doch nicht alles grundsätzlich falsch sein, nur weil es von Nazis ersonnen oder betrieben wurde. Angesichts der starren Verdammniskultur ist es eigentlich ein Wunder, dass wir heute noch Autobahnen bauen und einen sozialen Wohnungsbau fördern.

Der Hintergrund dieser prinzipiellen Verurteilung von allem, was mit der Nazidiktatur in Zusammenhang gebracht werden könnte, scheint die latente Angst vor einer Renaissance des Nationalsozialismus.
Breite Volksmassen sind nun einmal ideologisch recht unbedarft (weil ihnen im hektischen Alltag die Zeit fehlt, sich differenziert zu informieren oder weil sie einfach kein Interesse dafür zeigen) und deshalb leicht beeinflussbar bzw. verführbar (selbst wenn es um eine gegen das eigene Volk gerichtete
Volksverhetzung geht).

Bei dieser "stummen grauen Masse" (wie Göbbels zu sagen pflegte) könnten positive Aspekte des Naziregimes missverstanden werden. Wenn eingestanden würde, dass der Nationalsozialismus tatsächlich das Massenelend besiegt und binnen weniger Jahre die Wirtschaftsleistung verdoppelt hatte, könnte dies zu einem unliebsamen Imagegewinn der Nazidiktatur führen und die Schrecken des Holocaust und des Weltkrieges relativieren.
Diese Angst scheint mir nicht unbegründet. Es wäre tatsächlich fatal, wenn die unentschuldbaren und unbegreiflichen Nazi-Gräuel mit positiven Aspekten "verrechnet" würden.

Dennoch sehe ich keine Gefahr des Aufkeimens einer übertrieben nationalistischen Grundeinstellung in Deutschland. Das Nazi-Desaster hat sich tief in die Herzen und Seelen der deutschen Bevölkerung eingebrannt - einen abgehobenen Nationalstolz, eine egoistische Nationalpolitik und ein krankhaftes Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen Völkern wird es hierzulande, ganz im Gegensatz zu manch anderen europäischen Staaten, auf weit absehbare Zeit nicht geben.

 

3. Würde Hitlers Wirtschaftsprogramm von 1933 gutgeheißen, würde sich die Kriegsschuldfrage der Deutschen neu stellen!
Würde eingestanden, dass Hitlers Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit weit erfolgreicher war als die seines Vorgängers Brüning (der eine strikte Deflationspolitik, also Verknappung des Geldes, betrieb), könnte man die damaligen Wähler Hitlers nicht mehr in gewohnter Form diffamieren.
Unterschwellig heißt es auch heute noch, "die Deutschen haben den Krieg gewollt und angefangen" und "die Deutschen haben genau gewusst, was Hitler im Schilde führte".

Würden aber die Erfolge des NSDAP-Wirtschaftsprogramms von 1933 eingestanden, könnte man deren Wähler nicht mehr allesamt als Idioten, Antisemiten oder Kriegslüstlinge abstempeln. Denn würde man einräumen müssen, dass Hitlers Wahlprogramm 1933 im damals alles entscheidenden wirtschaftlichen Bereich durchaus logisch und überzeugend klang und ein Drittel der Bevölkerung in ihrer großen Not eben den Mann wählten, dem sie am ehesten eine Überwindung des Massenelends zutrauen konnten.

Damit wären die späteren Schuldzuweisungen an das deutsche Volk weitgehend unhaltbar. Kann man einem Volk einen Vorwurf machen, wenn es nicht hellsehen kann? Konnte man vom politisch ungebildeten Arbeiter erwarten, dass er 1933 die krankhafte Entwicklung des charismatischen Führers und seine spätere Drogenabhängigkeit und Geistesgestörtheit vorausahnte?
Hitler hat in seinen Wahlkampfreden häufig vom Weltfrieden gesprochen, den es zu bewahren galt. Konnte der einfache Bürger Hitlers heuchlerische Reden schon 1932 als Propagandalüge durchschauen?

Zwar hat Hitler auch in der Öffentlichkeit aus seiner Judenverachtung und seiner abgehobenen Rassenideologie keinen Hehl gemacht, aber auch hier konnte der Wähler kaum erahnen, was damit konkret gemeint war.
Wohl niemand hätte sich damals vorstellen können, dass die 600.000 Juden in Deutschland auch nur annähernd so verunglimpft, benachteiligt und entehrt werden könnten wie zu gleicher Zeit die 20 Millionen Schwarzen in den USA. Die Deutschen waren schließlich ein "Kulturvolk" - eine Menschenverachtung wie in den USA war jenseits jeder Vorstellungskraft. (
Mehr dazu...)

 

4. "Hitlers Konjunkturprogramm war allein auf einen späteren Weltkrieg ausgerichtet!"
Unterstellt wird auch immer noch, dass Hitlers Konjunkturprogramm alles andere als menschenfreundlich war und in Wahrheit nur seinen geheimen Kriegsplänen diente. Diese Darstellung halte ich für sachlich unhaltbar.

Im Nachhinein kann man natürlich leicht sämtliche Investitonsmaßnahmen als Aufrüstung deklarieren. Dann wird der Autobahnbau nicht mehr als eine zukunftsweisende Verbesserung der Infrastruktur gesehen, sondern nur in dem Zusammenhang, dass später einmal Panzer darauf rollen konnten.
Der soziale Wohnungsbau zählt dann nicht mehr als familienfreundliche Unterstützungmaßnahme, sondern diente nur dazu, eines Tages die Soldatenfamilien unterzubringen.
Die "Kraft-durch Freude"-Urlaubsschiffe wurden demnach nur gebaut, um im Kriegsfall Truppentransporte unterstützen zu können usw..
Wenn man es will, kann im Nachhinein nahezu jedes gutgemeinte Konjunkturprogramm als verkappte Aufrüstung deklariert werden.

Sicher hat Hitler im steigenden Umfang echte Aufrüstung betrieben, also die Produktion von Panzern, Kriegsschiffen und Jagdflugzeugen angekurbelt, um mit den anderen europäischen Großmächten gleichziehen zu können.
Anstelle dieser Aufrüstung hätte Hitler aber genausogut den privaten Konsum beleben können - der Erfolg der protektionistischen Wirtschaftspolitik wäre der gleiche geblieben.
Worauf ich hinaus will: Die Aufrüstung hat wenig bis nichts mit der Wirkungsweise des grundsätzlich richtigen Wirtschaftskonzeptes zu tun (Zoll-Protektionismus und Konjunkturprogramme zur Überwindung der Depression).

 

5. "Das Nazi-Konjunkturprogramm hätte in den Staatsbankrott geführt!"
Mit welcher Verzweiflung versucht wird, den Erfolg des Nazi-Konjunkturprogramm in der Weltwirtschaftskrise zu negieren, erkennt man sehr gut an der beliebten Unterstellung, die staatliche Wirtschaftsförderung war unverantwortlich und unbezahlbar und hätte zum Staatsbankrott geführt, wäre nicht der Krieg dazwischengekommen.

Hitler brauchte also den Krieg, um den Bankrott abzuwenden - eine einfach absurde Auslegung. Absurd schon deshalb, weil in der damaligen nationalistischen Phase Auslandskredite nur im geringen Maße in Anspruch genommen wurden und eine Verflechtung mit der internationalen Finanzwelt kaum bestand. Die Staatsverschuldung war also hauptsächlich eine interne deutsche Angelegenheit - wäre das Geld tatsächlich in Friedenszeiten knapp geworden, hätte die Nazidiktatur lediglich die Geldmenge oder Steuern sanft anheben müssen.

Lächerlich ist der Vorwurf auch in Bezug auf die heute übliche Praxis der lockeren Geldpolitik der USA und der EZB. Die heutige Billiggeldschwemme ist um ein Vielfaches riskanter als die deutsche Geldpolitik der Jahre 1933 bis 1939. Will man den USA und den Euro-Staaten etwa auch unterstellen, sie planen einen Krieg, um den Bankrott abzuwenden?

 

Wurde etwas falsch dargestellt?
Gerade in heiklen Bereichen scheint mit eine objektive Darstellung zwingend notwendig. Eine seriöse geschichtliche Aufarbeitung kann nicht gelingen, wenn Kritiker unliebsamen Fragen feige ausweichen und damit verfälschenden Darstellungen und Vorurteilen weiter Vorschub leisten.
Ich habe diesen Artikel nach bestem Wissen und Gewissen verfasst. Sollte ich dennoch etwas falsch oder unsachlich dargestellt haben, so bitte ich um Mitteilung. Auch wenn Sie gesicherte Zahlen mit Quellenangabe über Produktionszahlen der 30er Jahre haben, wäre ich für eine Übermittlung dankbar (meine Email-Adresse: m.mueller@iworld.de).

 

Ergänzende Artikel:

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Manfred Julius Müller analysiert seit über 30 Jahren weltwirtschaftliche Abläufe. Er ist Autor verschiedener Bücher zu den Themenkomplexen Globalisierung, Kapitalismus und Politik. Manche Texte von M. J. Müller fanden auch Einzug in Schulbücher oder werden zur Lehrerausbildung herangezogen.
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